JdischeAllgemeine

Premiere in Berlin

Schalom und Salam

Jüdisches Theater zeigt interreligiöses Stück

12.11.2015 – von Alice Lanzke

Diese Juden mit ihrer Sonderbehandlung!« Voller Abscheu blickt der junge Mann sein Gegenüber an. Dessen Reaktion lässt nicht lange auf sich warten: »Und ihr mit euren Ehrenmorden!« Zwei kurze Sätze offenbaren Welten voller Vorurteile – und bieten damit viel Stoff für das multireligiöse Theaterprojekt Shalom, Salam – wohin? des deutsch-jüdischen Theaters »Größenwahn«. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert; professionelle Schauspieler und Musiker begleiten die jungen Laienschauspieler. An diesem Donnerstag hat es Premiere.

Bei dem Stück geht es um die Begegnung zwischen verschiedenen Religionen. Unter der Regie von Dan Lahav haben jüdische, muslimische und christliche Jugendliche gemeinsam die Inhalte erarbeitet: Ein junger Jude und eine Muslimin verlieben sich ineinander – was für jede Menge Zündstoff in deren Familien sorgt.

Romeo und Julia Das klassische Romeo-und-Julia-Sujet ist dabei eingebettet in aktuelle Meldungen über Pegida, Flüchtlinge und rassistische Übergriffe. »Dan erzählt uns bei den Proben immer, was derzeit passiert«, berichtet die 17-jährige Türkin Gizem, die die weibliche Hauptrolle spielt. Der Regisseur gebe den Jugendlichen eine Situation mit aktuellem Bezug vor – dann werde improvisiert. »Was wir auf der Bühne sagen, kommt spontan«, erzählt der 15-jährige Semon, Gizems jüdischer Romeo. Entsprechend authentisch seien die Vorurteile, die im Stück thematisiert werden.

Paar

Theaterchef Lahav will mit dem multireligiösen Projekt sowohl ein Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit setzen, als auch seine jungen Darsteller sensibilisieren. »In Workshops konnten sich die Jugendlichen erst einmal so richtig auslassen, ohne von Erwachsenen angeleitet zu werden«, erklärt er. Durch intensive Gespräche habe er zeigen können, wie unsinnig die gegenseitigen Vorurteile sind.

Geht es bei den Proben einmal besonders heiß her, unterbricht Lahav und bittet die Laienschauspieler, einander die Hand zu geben – das Konzept geht auf. »Auch wenn wir uns auf der Bühne anbrüllen, sind wir eigentlich Freunde«, grinst Semon.

 

Teltow

 

„Shalom, Salam – wohin?“- Theaterpremiere in Berlin

Es ist beinahe schon eine Selbstverständlichkeit, dass die „Deutsch-Jüdische Bühne Bimah Theater Größenwahn“ in Berlin-Charlottenburg aktuelle Themen wie Antisemitismus, Rassenhass und aufkeimende rechte Tendenzen klar und deutlich auf die Bühne bringt. Besonders das Stück „Shalom, Salam – wohin?“ befasst sich mit dieser Thematik. Buch und Regie stammen vom Intendanten Dan Lahav und der Dramaturgin und Schauspielerin Alexandra J. Frölich. Alexander Gutmann ist für die Musik verantwortlich. Neben ausgebildeten Schauspielern treten Jugendliche aus der Jüdische Gemeinde zu Berlin, dem türkischen Theater Tiyatrom Berlin sowie aus christlichen Einrichtungen auf. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt das Projekt.

Alex

Die Schauspielerin Alexandra J. Frölich teilte im Pressegespräch mit: „Die aktuelle Situation in Deutschland, wo neben aller Weltoffenheit neuer Antisemitismus und Antiislamismus, alter Rassismus und Fremdenfeindlichkeit das Bild bestimmen, wird durch das Stück „Shalom, Salam – wohin?“ reflektiert. Wir Künstler wollen nicht nur ein Stück auf die Bühne bringen. Es ist auch unser Ziel, auf menschliche Werte hinzuweisen. Es gibt nur Menschen, unabhängig davon, welche Hautfarbe sie haben, welche Nationalität sie besitzen und welcher Religion sie angehören.“ Bei der Premiere am 16. November 2016 war einer der Gäste auch der SPD-Politiker Rainer-Michael Lehmann. Von 2001 bis Oktober 2016 gehörte er dem Berliner Abgeordnetenhaus an. In Berlin leitet er die AG Selbstaktiv. Er sagte: „Das Stück „Shalom, Salam – wohin?“ ist ein sehr wichtiges Stück. Es zeigt nicht nur die Defizite unserer Gesellschaft auf. Es bietet auch Lösungswege an. Das Deutsch-Jüdische Theater ist mit allen seinen Stücken ein regelrechtes Sprachrohr unserer Zeit. Daher bin ich sehr oft und sehr gerne hier zu Gast.“

November 2016, Volker T. Neef.

 
Aus der bbz Zeitschrift der GEW  04-05 / 2017
 
Das deutsch-jüdische Theater Bimah macht seit 2001 Theater rund um die jüdische Kultur und richtet sich dabei auch an Schulen. Nun verstarb sein Gründer Dan Lahav.
 
von Hans-Wolfgang Nickel
 
Kein Theater von Juden für Juden mit Juden wollte Dan Lahav machen, als er im Frühjahr 2001 das erste jüdische Theater Berlins nach mehr als 60 Jahren gründete. Vielmehr sollte das Jüdische Theater BAMAH ein Theater werden für alle, die sich für jüdische Kultur interessieren und sich mit ihr auseinandersetzen wollen.»Shalom – Salam, wohin?« (ab 15 Jahren) ist die jüngste Premiere im Bimah. Sie stellt sich der deutschen Innenpolitik und der Flüchtlingsfrage und ist zugleich ein Beitrag zum Palästina-Konflikt und das Zwischenergebnis eines auf mehrere Jahre angelegten Projekts zum interkulturellen Brückenbau.Darsteller*innen sind, zusammen mit professionellen Schauspieler*innen und Musiker*innen, in Berlin lebende jüdische, muslimische und christlich geprägte Jugendliche; sie thematisieren die Problematik des neuen Antisemitismus und des Antiislamismus vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte.
Nach schrillem Beginn (Fernsehaufnahmen von unterschiedlichen Demonstrationen) schafft eine wunderbar zarte Geigenstimme Beruhigung und leitet über zu Shylocks Klage (aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig«), hier vom gesamten Ensemble gesprochen; korrespondierend dazu gegen Ende der Aufführung der Verweis auf Lessings Nathan und dessen Ringparabel. Das eigentliche Stück besteht aus vielen kleinen Einzelszenen, die sich insgesamt zu einem scharf beobachteten und konturierten Gegenwartsportrait runden. Wir erleben drei unterschiedliche Familienkonstellationen: jüdisch, christlich, muslimisch, alle von Frauen »regiert« (symptomatisch die Abwesenheit der Väter!); die Jugendlichen zumeist in Opposition und bereit, sich auf das Abenteuer einer interkulturellen Welt einzulassen; die Erwachsenen bremsend, verbietend. Das alles vorzüglich gespielt und musiziert – die Qualität der Realisation entspricht der Qualität der inhaltlich-dramaturgischen Konzeption.Dan Lahav konnte die Premiere nicht mehr sehen.Dan Lahavs deutschstämmige Familie lebte seit Generationen in Hamburg und Lübeck; während der NS-Herrschaft konnte seine Mutter aufgrund ihrer Erfolge als Sportlerin und ihrer Popularität eine Ausreisegenehmigung nach Palästina erhalten. Dan Lahav wurde 1946 im heutigen Israel geboren; nach seinem Schulabschluss absolvierte er ein Theaterstudium an der Universität Tel Aviv in den Fächern Schauspiel und Regie sowie ein Pantomimenstudium unter anderem bei Marcel Marceau; er führte Regie, spielte an verschiedenen Theatern.Das von ihm konzipierte Jugendprojekt »Shalom – Salam, wohin?« konnte Dan Lahav wegen seiner Erkrankung nicht zu Ende betreuen; Alexandra Julius Frölich übernahm und führte die Inszenierung bis zur erfolgreichen Premiere. Dan Lahav verstarb am 14. Dezember 2016, konnte die Premiere also nicht mehr sehen.»Theater Größenwahn« als augenzwinkernde HommageSein Theater Bimah ist ein besonderer Bildungsort geworden: es greift die Zeit der deutsch-jüdischen Symbiose in den Berliner Zwanziger Jahren auf, bewahrt und interpretiert sie neu. Es gab im BAMAH klassisches ostjüdisches Theater, zeitgenössische Theaterstücke aus Israel, Einblicke in heutiges jüdisches Leben (»Schabat Schalom«, »Pessach-Geschichten«).Dazu kam, ein Schwerpunkt des deutsch-jüdischen Theaters, die Rückbesinnung auf die deutsch-jüdische Symbiose (Heine, Mendelssohn), insbesondere auf die »Zwanziger Jahre« in Berlin (Friedrich Holländer, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler). Inzwischen hatte sich das Theater von BAMAH, hebräisch: Bühne, in BIMAH, hebräisch: mittlere Bühne, umbenannt. 2015 wurde eine Namens-Erweiterung vollzogen:»Theater Größenwahn – Deutsch-Jüdische Bühne Bimah« – eine augenzwinkernde Hommage an das legendäre »Kabarett Größenwahn«, das in den 1920er-Jahren nur einen Steinwurf entfernt am heutigen Kranzler-Eck, ehemals Café des Westens, ein Zentrum des Berliner Geisteslebens darstellte.Im September 2017 wird »Shalom – Salam, wohin?« auf die Bühne zurückkehren. Bis dahin strebt das Theater Kooperationen mit Schulen an und führt das Stück in Schulen auf.